Seit drei Monaten werden im Wetzlarer Tageshospiz „Lebenszeit“ Schwerkranke betreut

Von Olivia Heß

Hospiz – allein das Wort lässt einige Menschen zurückschrecken. Wer dorthin kommt, liegt im Sterben, so häufig die Annahme. Doch im Wetzlarer Tageshospiz „Lebenszeit“ ist der Tod nicht allgegenwärtig. Im Gegenteil. Es wird gelacht, geredet und gespielt. Aber auch für schlechte Tage ist Raum.

Im Aufentsraum des Tageshoospizes wird nicht nur gemeinsam gegessen, sondern auch viel geredet. Die Gesellschaft tut Eberhard Müller gut, sagt seine Ehefrau Heide. (Foto: Olivia Heß)

„Im Pflegeheim wäre ich eingegangen“, sagt Eberhard Müller. Er sitzt am großen Tisch im Gemeinschaftsraum des Tageshospizes, trinkt seinen Kaffee, scherzt und lacht. Müller ist 82, seit Jahren schwer krank und gilt unter medizinischen Gesichtspunkten als austherapiert. Ohne Schmerzpflaster geht es nicht. Mit aber verhältnismäßig gut.

Seit Sommer ist er Gast im Tageshospiz. Dieses wurde kurz zuvor im „Haus Emmaus“ eröffnet, als erste Einrichtung dieser Art in Hessen. „Es ist sein Glück, dass wir den Platz bekommen haben“, sagt Müllers Ehefrau Heide. Die Suche nach einem freien Platz im Pflegeheim hatte sich schwierig gestaltet. Einzig im Vogelsberg wäre etwas frei gewesen, sagt die 81-Jährige. Doch so weit von der Familie entfernt, das wollten sie nicht.

Als Eberhard Müller nach einer schweren OP das Krankenhaus verlassen konnte, riet der Hausarzt dem Ehepaar, sich beim Hospiz zu melden. Der 82-Jährige wurde stationär aufgenommen. „Ich dachte, wenn das mein letzter Ort sein soll, dann ist es so“, sagt Eberhard Müller. Aber: „Der Herrgott wollte mich noch nicht haben.“ Nach zwei Monaten hatte er sich so weit erholt, dass er das stationäre Hospiz verlassen und nach Hause zurückkehren konnte. Seither sucht er an drei Tagen in der Woche das Tageshospiz auf.

Wenn Eberhard Müller müde wird, kann er sich im Tageshospiz in einen Ruheraum zurückziehen. Tageshospiz-Bereichsleiterin Sabine Burk schaut dann nach ihm. (Foto Olivia Heß)

In Gesellschaft zu sein, tut ihm gut. Bereichsleiterin Sabine Burk und ihre beiden Mitarbeiterinnen sind für die Tagesgäste da. Sie reden mit ihnen, hören zu. Mal wird auch eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt. Wenn Eberhard Müller müde wird, kann er sich in eines der beiden Ruhezimmer zurückziehen und sich im Bett oder einem Sessel ausruhen. Als er vor Kurzem eine Stunde in der Entspannungswanne saß, „das war herrlich“, erinnert er sich. Zu Hause sei dies nicht mehr möglich, da komme er nicht in die Badewanne. Aromaexpertin Tamara Schäfer massiert den Gästen Arme, Schultern, Hände oder Nacken. „Es wird sich wirklich gekümmert“, sagt Eberhard Müller.

Für die Hospiz-Gäste gibt es eine speziell geformte Badewanne, die den Einstieg erleichtert. Denn zu Hause können die Betroffenen meist nicht mehr in die eigene Badewanne steigen, erklärt Silke Kuhl. (Foto: Olivia Heß)

Auch für Ehefrau Heide bedeutet das Angebot des Tageshospizes eine Erleichterung. Mit 81 Jahren hat auch sie keine unerschöpflichen Kraftreserven. Wenn er tagsüber im Tageshospiz ist, kann sie den liegen gebliebenen Haushalt erledigen, selbst einen Arzttermin wahrnehmen oder einfach mal in der Zeitung blättern.

Mit vier Plätzen ist das Tageshospiz „Lebenszeit“ im Wetzlarer „Haus Emmaus“ im Frühsommer an den Start gegangen. Montags bis sonntags von 8 bis 16.30 Uhr sind Sabine Burk und ihr Team vor Ort. Aktuell kümmern sie sich um zwei Tagesgäste.

Wolfgang Butenop gehört dazu. Er ist – wie Eberhard Müller – einer der ersten Gäste, die das Tageshospiz aufgenommen hat. Heute sei kein guter Tag, sagt er im Gespräch. Erst wollte er gar nicht kommen. Aber solche Momente seien im Tageshospiz doch leichter zu ertragen als allein zu Hause. „Da kann der Tag schon lang werden.“ Für ihn ist das Tageshospiz vor allem ein Ort des Austauschs. „Die Leute sind sehr nett, ich kann gut mit ihnen reden. Wenn es einem schlecht geht, sehen sie das sofort. Sie haben ein Auge dafür“, sagt Butenop.

Anfangs sei er ängstlich gewesen, was im Tageshospiz auf ihn zukommt. Doch das sei unbegründet gewesen, sagt er drei Monate später. Das „Lebenszeit“-Team vertritt die Devise: Nix ist fix. Die Gäste können selbst entscheiden, welche Angebote – etwa Musik- oder Maltherapie, Massagen, Spiele – sie annehmen wollen. „Es geht primär nicht um Animation und Therapie. Das ist nur das Bonbon. Wir wollen den Menschen zuhören und Zeit schenken“, sagt Bereichsleiterin Burk. Es dreht sich alles um den Menschen, nicht nur um die Krankengeschichte.

Elf Anfragen hat es in der Zwischenzeit gegeben, berichtet Burk. Oft allerdings würden sich die Betroffenen zu spät melden. Zwei Interessenten waren kurze Zeit später verstorben, andere mussten stationär aufgenommen werden. „Die Idee ist, dass die Menschen früher kommen, dass sie das Angebot nutzen und wir Zeit gemeinsam verbringen können“, sagt die Bereichsleiterin. Burk spricht deshalb auch lieber von Lebens-, als von Sterbebegleitung. „Sie sollen Kraft tanken“, sagt sie. Eine Frau, die mittlerweile ins stationäre Hospiz gewechselt ist, habe davon gesprochen, dass ihr Besuch im Tageshospiz für sie wie ein Tag Urlaub sei.

Das Tageshospiz ist ein Angebot für Menschen, die unheilbar erkrankt sind und eine palliative Versorgung benötigen, solange sie nicht bettlägerig sind, beatmet werden müssen oder an einer fortgeschrittenen Demenz leiden. Der Besuch des Tageshospizes gibt den Betroffenen die Möglichkeit, länger im vertrauten Umfeld zu bleiben und entlastet zusätzlich die pflegenden Zugehörigen.

Interessenten können einen Schnuppertag vereinbaren, um sich ein Bild zu machen. Burk hofft, so Ängste abbauen zu können. Aktuell gibt es noch freie Plätze im Tageshospiz.

Wetzlarer Neue Zeitung, 23. Oktober 2021, Seite 11

KOSTENFREIES ANGEBOT

Der Besuch des Tageshospizes ist für die Gäste kostenfrei . 95 Prozent der Kosten tragen Kranken- und Pflegekassen, die übrigen fünf Prozent finanziert das Hospiz mittels Spenden.
Weitere Informationen gibt es auf unserer Seite hier, telefonisch unter 0 64 41-2 09 26 57 sowie per E-Mail an tageshospiz@hospiz-mittelhessen.de